Docterxander

Kurz zur Info

Die unten aufgeführte Tekst von Carl Stäubli wurde in einer Berghütte bei Fischbiel auf einer Schreibmaschiene erfasst. Uns wurde es als PDF-Datei zugestellt. Umgesetzt in einen Texteditor wurden bestimmte Absätze von uns ausgelassen oder ein wenig ergänzt. Ins Besondere die Kaiserschnitt welcher Dokterxander in 1902 durchgeführt hat wurde im original Bericht mehrmals angesprochen. Die ursprüngliche Fotografieen wurden zum Teil ersetzt oder sogar weggelassen. 



Der Bericht von Carl Stäubli (1993)

Prolog

 Wir wohnten damals noch im umgebauten Treimadeggustall auf Fischbiel (…Treimattu ist kurz oberhalb von Fischbiel, unterhalb der Strasse nach Biel, auf die Ostflanke vom Milibach…). Während drei Tagen hatte es ununterbrochen geschneit und die Talstrasse war ebenso wie die Verbindung zur Bergstation Holz wegen Lawinengefahr gesperrt. Im gemütlichen Stall fühlten wir uns geborgen. Die Fensterchen gegen Osten, welche im Sommer eine herrliche Aussicht auf die Lötschen Lücke bieten, waren durch eine Wechte verdunkelt, im West Fenster sah man die Rothörner in der Abendsonne aufleuchten. Vom Tal tönte das Brummen eines Helikopters, der Schulkinder, Lehrlinge und im Unterland Arbeitende zum Wochenende in ihre Heimatdörfer zurückbrachte. Wir sprachen darüber, wie wohl früher vor dem Bau des Lötschbergtunnels die ärztliche Versorgung des schwer zuganglichen im Winter häufig durch drohende Lawinen vollständig vom Rhonetal abgeschnittenen Bergtals erfolgte. Ich holte die im Sommer unbeachtet liegen gebliebenen Bücher hervor und begann zu lesen...
 
F. G. Stebler schrieb 1907 in seiner Monographie über das Lötschental Am Lötschberg, Land und Volk von Lötschen, auf Seite 102 [1]: 
«…. Lötschen hat seinen Arzt. In schwierigen Fällen wird derjenige in Raron, oder jener in Visp geholt. Da die Entfernung sehr gross ist, so kommt er leider oft zu spät Ein intelligenter Bauersmann in Wiler (Fig. 112) übt dagegen als „Dokter" für Bein- und Armbrüche seine Kunst mit gutem Erfolg aus. Auch der Kaplan hat in seine langen Praxis in den Bergen in der Heilkunst manche Erfahrung gesammelt und wird deshalb öfters von den Leute konsultiert. Er lässt es aber nicht mit blossen Ratschlägen bewenden, sondern verabfolgt den Heilungsuchenden auch unentgeltlich die notwendigen Heilmittel. Zu diesem Zwecke hat er «im Saal» eine fangreiche Hausapotheke angelegt, in welcher man die berühmtesten Mittel alle findet, vom Glaubersalz bis zur Kamille….»     
Über die Apotheke von Kaplan Brandschen in Kippel:   
«…. Tee von dem gespornte Alpenveilchen (Viola calcarata) ist eine vortreffliche Medizin gegen Keuchhusten und Halsverschleimung. Waldmeister ist zu empfehlen gegen Gelbsucht, Grieg und Steinleiden. Gleich gute Wirkung hat den Tee von Zweigen der Mehlbeerstude (Bärentraube, Arctostaphylos uva ursi), von Katzenschwanz und von Schneckenschalendeckeln. Die gedörrten Blüten der Schlüsselblume, in heissem Wasser gekocht und als Tee genossen, sind gut gegen Gicht, Kopfschmerzen und Schwindel. Ehrenpreis ist empfehlenswert ist gut gegen Lungenkatarrh, Brustverschleimung, Heiserkeit und Blutspucken. Isländisch Moos wird gegen Schwindsucht gebraucht. Himbeere ist für Gesunde und Kranke ein Labsal. Arnika ist heilsam bei Schlaganfällen, Quetschungen und Verstauchungen. Wurmfarn wird verwendet zur Vertreibung der Bandwürmer. Die Blüten der «Alpenkamille» (Leucanthemum alpinum) werden gesammelt für Tee gegen Erkältungen. Retterichsaft (Saft von Meerrettich) ist gut gegen Harnbeschwerden. «Salbineblätter», Honig und Essig sind zu empfehlen zum Gurgeln gegen Halsweh. Ebenso Wachholderbeermuess, mit Honig gesotten. Gegen Sonnenbrand ist Geissmilchschaum ein vorzügliches Mittel. «Gährusst» (Imperatoria ostruthium) gegen Verrenkungen. Gegen üblen Geruch im Zimmer verbrennt man auf einer Schale Glut Buder und Anis. Zum Parfumieren des Brandweines benutzt man «xxxxx» oder «Reissena» (Edelraute, Artemisia mutellina). ….»  

1969 veröffentlichte Carl Müller in seinen "Volksmedizinisch geburthilflichen Aufzeichnungen aus dem Lötschental" Gespräche welche er während mehreren Jahren mit Herrn H.H. Prior Johann Siegen und der erfahrenen Laienhebamme Frau Marjosa Tannast (1861—1937) geführt hat. -die erste diplomierte Hebamme liess sich erst 1926 im Lötschental nieder- [2]. 
Frau Marjosa berichtete, wie der schon von F. G. Stebler erwähnte "Dokter" nämlich "Dokterxander", am 8. März 1902 mit ihrer Assistenz und der Beihilfe einer jüngeren Laienhebamme einen Kaiserschnitt mit Erfolg ausgeführt hat. Sohn und Mutter blieben am Leben. Eine ausführliche Schilderung dieser Operation findet sich im Anhang Nr. 3 als wörtliche Abschrift. Der Fetus war unmittelbar vor der Geburt in eine Querlage abgewichen. Ohne einen operativen Eingriff wäre die Mutter unter grossen Qualen gestorben. Das Lötschental war wegen grosser Lawinengefahr vollständig abgeschlossen. Über Dokterxander berichtete Herr Prior Siegen «Der Bauer, der in allen Nöten helfen konnte, war der "Dokterxander", Alois Rieder, dessen Verwandte noch heute "ds Doktors" genannt werden aber Tannast heissen. Sein Vater war ein gelernter Arzt, der wahrscheinlich in Bern studiert hatte» und weiter «Er hat sicher seinen Vater begleitet und erbte dessen Bücher und Instrumente. Er war ein gewissenhafter Mann, kein Kurpfuscher, und hat nur im äussersten Notfall eingegriffen, wie es bei damaligen Verkehrsverhältnissen leicht denkbar war. Ich habe den "Dokterxander" noch gut gekannt und weiss, mit welcher Ehrfurcht und Dankbarkeit die Lötscher diesen Mann behandelten. Er hatte auch nie Anstände mit irgend einem Arzt», so Herr Prior Siegen.

Der medizinischer Bericht

 Noch im Beginn unseres Jahrhunderts, kaum 10 Jahre vor dem Bau der Lötschbergbahn, wurde im Lötschental von Laien ein Kaiserschnitt ausgeführt, der Mutter und Kind das Leben rettete (am 8. März 1902). Bei der damals 34jährigen Patientin, Frau J. W. aus Blatten, Viertgebärende, war der Fetus unmittelbar vor dem Geburtstermin aus Längs- in Querlage abgewichen, und alle Versuche der Lagekorrektur mißlangen. Ein Transport der Schwangeren durch die Lonzaschlucht war wegen völliger Blockierung durch Lawinen ausgeschlossen. Unter diesen Umständen konnte auch nicht auf ärztliche Hilfe aus dem Rhonetal gerechnet werden. Die äußerste Notlage trieb zur Selbsthilfe. In Eile wurden alle Vorbereitungen für den Kaiserschnitt getroffen. Der «Doktorxander», Marjosa und die Hebamme Kalbermatten hielten sich zur Operation bereit. Die mutige Initiative eines reinen Empirikers, mit der Hilfe zweier Laienhebammen Mutter und Kind vor dem sicheren Tod zu retten, verdient alle Achtung. Wieviel Zeit von dem Wehenbeginn bis zum Eingriff verstrichen war und ob die Fruchtblase noch stand, konnte sich Marjosa nicht mehr genau erinnern. Über den Operateur, genannt Dokterxander, wurde uns von Herrn Prior Siegen seinerzeit berichtet: «Der Bauer, der in allen Nöten helfen konnte, war der Dokterxander, Alois Rieder, dessen Verwandte noch heute «ds Doktors» genannt werden, aberTannast heißen. Sein Vater war ein gelernter Arzt, der wahrscheinlich in Bern studiert hatte.» In einem späteren Bericht des Priors heißt es über diesen «Dokterxander»: «Er hatte sicher seinen Vater begleitet und erbte dessen Bücher und Instrumente. Er war ein sehr gewissenhafter Mann, kein Kurpfuscher, und hat nur im äußersten Notfall eingegriffen, wie es bei den damaligen Verkehrsverhältnissen leicht denkbar war. Ich habe den Dokterxander noch gut gekannt und weiß, mit welcher Ehrfurcht und Dankbarkeit die Lötscher diesen Mann behandelten. Er hatte auch nie Anstände mit irgend einem Arzt.» Der «Dokterxander» starb 1916 in Wiler. Verlauf der Operation. Die stark erschöpfte und mit einer gehörigen Dosis «Gebranntem» betäubte Frau wurde auf einen jener schmalen Tische gelegt, die früher, oft kunstvoll eingelegt und mit schönen Eisenbeschlägen versehen, die Zierde ungezählter Walliser Häuser bildeten, seit langem aber, wie andere unersetzliche Zeugnisse hoch entwickelter Volkskunst und handwerklicher Meisterschaft, dem Antiquitätengeschäft zum Opfer gefallen sind. Diese Walliser Tische haben sich durch die verhältnismäßig geringe Breite der Tischplatte nicht schlecht als Operationstische geeignet. Der Tisch stand nahe an der Fensterwand, zu ihr parallel. Die Befestigung der Patientin erfolgte mit Lederriemen; einer lag oberhalb der Füße, ein weiterer über den Knien. Der Oberkörper wurde derart fixiert, daß zwei schmale zusammengerollte Leintücher unter der Achsel durchgezogen und am Tischbein der Gegenseite verknüpft wurden. Die Bewegung der Hände wurde dadurch verhindert, daß die Handgelenke, dem Körper eng anliegend, mittels eines unter der Patientin durchgezogenen Gurtes aneinander gefesselt wurden. Die Bauchwand wurde mit einer «stark riechenden Medizin» (Karbol?) gewaschen. Noch Jahre nach der Operation hätte das Zimmer nach dieser Flüssigkeit gerochen und sogar ihr, Marjosa, sei es von diesem Geruch etwas übel geworden. Beine und Oberkörper wurden mit weißen Tüchern bedeckt, nur die Bauchdecke blieb frei. Der Operateur stand mit Marjosa an der rechten Seite der Patientin, die zweite Gehilfin assistierte auf der linken Seite. Alle Beteiligten hatten sich vorher, auf Anordnung des Operateurs, mit warmem Wasser und Seife die Hände gewaschen und anschließend mit der penetrant riechenden Medizin eingerieben. Die Bauchwand wurde mittels «einer Art Rasiermesser» in der Mittellinie eröffnet durch einen vom Nabel bis zur Schambeinfuge reichenden Schnitt. Beide Assistentinnen hielten, jede auf ihrer Seite, mit bloßen Händen die große Bauchwunde offen. Sie hatten viel zu tun, die hervorquellenden Darmschlingen zurückzudrängen. Auch der Uterus wurde durch einen Medianschnitt eröffnet. Die Extraktion und die Abnabelung des Kindes bereitete keine Schwierigkeiten, ebenso wenig die manuelle Lösung der Plazenta. Die Blutung soll nicht übermäßig stark gewesen sein, das Blut wurde mit Schwämmen aufgesogen. Das Kind begann nach einer gehörigen Dusche eiskalten Wassers zu schreien und wurde in die vorgewärmte Wiege gelegt. Sich mit ihm weiter zu befassen war keine Zeit, da alle Hände am Operationstisch benötigt wurden. Wie erwähnt, war der Blutverlust gering. Marjosa kann sich nicht erinnern, ob Gefäße unterbunden werden mußten. Der Operateur ging sofort daran, den Uterus wieder zusammenzunähen. Marjosa glaubt sich zu erinnern, daß der Operateur zur Naht des Uterus «Katzendarmfäden» benutzt habe. Die verwendete Nadel ist dieselbe, deren sie, Marjosa, sich seit jeher zur Dammnaht bediente (siehe Abb. 7). Diese Sorte Nadeln sind seit Generationen in der Veterinärchirurgie gebräuchlich. Andere Instrumente wurden bei dieser Operation zur Naht nicht verwendet. Die Hauptschwierigkeit sei immer gewesen, den hervorquellenden Darm zurückzuhalten. Wie verhielt sich die Patientin? Erwachte sie während des Eingriffes, schrie sie, konnte sie dies alles überhaupt aushalten? Sie gab angeblich keinen Laut von sich. Sie war bewußtlos, «zitterte aber oft sehr stark», so daß der Tisch wackelte. Am längsten hätte die Versorgung der Bauchwand gedauert. Es wurde nicht genäht. Die Bauchwand war durch die vorausgegangenen Geburten so schlaff und dünn geworden, daß man die einzelnen Schichten nicht mehr erkennen konnte. Zur Vereinigung der Wundränder wurde ein Verfahren angewendet, das, wie Marjosa meinte, bei Operationen am Vieh üblich ist: die Wundränder wurden aneinander gelegt und, am oberen Wundwinkel beginnend, in regelmäßigen Abständen mit etwa acht spitzen «Stahlnägeln» durchstochen. Um ein Auseinanderweichen der Wundränder zu verhindern, wurden Stift und Wundrand durch eine Umwickelung mit Wundseide fest miteinander verbunden (siehe Abb. 11). Die scharfen Spitzen der Wundstifte wurden, um eine Verletzung der Bauchhaut zu vermeiden, mit kleinen Stoffpolstern unterlegt. Mit einem Wundverband und einer festen Bandagierung des Leibes fand die Operation ihren Abschluß. Die Patientin wurde vom Tisch losgebunden und in ihr Bett verbracht. Sie erwachte bald und litt mehrere Tage starke Schmerzen. Nach ungefähr einer Woche begann der Operateur, die Wundstifte sukzessive zu entfernen, bis nach etwa zwei Wochen der letzte Stift herausgezogen werden konnte. Stets mußte der Leib wieder fest bandagiert werden, da einige Stellen der Wunde klafften. Auch eine Eiterung kam hinzu, die mit geschabtem Speckstein, dem Lötschentaler Wundpuder, behandelt wurde und gut abheilte. Immerhin dauerte es Wochen, bis die Verbände entfernt werden konnten. Die Frau mußte bis Ende ihres Lebens eine breite, von ihr selbst gewobene Wollbinde tragen, in die, um ihr höhere Festigkeit zu verleihen, breite Lederstreifen eingenäht waren. Das «Stützkorsett» war außerordentlich geschickt ausgedacht und hergestellt. Nachuntersuchung. Dank Marjosas Vermittlung konnte ich die Kaiserschnittnarbe der nunmehr über siebzig Jahre zählenden Frau inspizieren. Die Bauchdecke der sehr hageren Greisin war außerordentlich atrophisch und schlaff. Die mediane, sehr breite, pergamentartig glänzende Operationsnarbe schien papierdünn. Die langsam in die breite Diastase eindringende Hand fiel geradezu — ein unheimliches Gefühl — auf das Promontorium der Wirbelsäule. Links und rechts der sehr unregelmäßigen, an einigen Stellen breit ausladenden Narbe waren beiderseits die Reihen jener rundlichen Narben der von den Stahlstiften gesetzten Perforationswunden deutlich zu erkennen. Die Frau hatte die Operation nicht in guter Erinnerung. Aber sie weiß nicht mehr, was schlimmer war: die schmerzhaften Wehen oder die Schmerzen während und nach der Operation. Die Schmerzen seien grausig gewesen. Aber man hat ihr und ihrem Sohn das Leben gerettet, das wisse sie wohl. Stillen konnte sie nicht. Die Menstruation sei auch nie mehr wieder gekommen. Der Sohn verließ das Tal schon in jungen Jahren und wurde später Trinker. Die Mutter ist felsenfest davon überzeugt, daß ihre Alkoholnarkose schuld sei an der Trunksucht ihres Sohnes. Zu schweren Arbeiten hätte sie nach der Operation nicht mehr getaugt und ohne Leibbinde bekäme sie sofort starke Bauchbeschwerden. Aber mit ihr sei das Leben gut erträglich, wenn sie schwer verdauliche Speisen vermeide und regelmäßig den von Marjosa verordneten Tee trinke. Wenige Jahre nach dieser äußeren Untersuchung — eine innere wollten wir der alten Frau ersparen — starb sie an einem Herzschlag. Dieser von einem Volksarzt ausgeführte Kaiserschnitt mit Überleben von Mutter und Kind scheint ein Unikum zu sein. In der uns zugänglichen, Europa betreffenden Literatur über Volksmedizin und Volkschirurgie fanden wir aus den letzten hundert Jahren nichts Ähnliches. Es war die besondere, vor dem Bau der Lötschbergbahn völlig abgeschlossene Lage des Tales, die seine Bewohner zwang, in äußerster Not und Lebensgefahr auch das Äußerste zur Rettung dieses Lebens zu wagen..

Stammbaum von Docterxander

 Der Stammbaum wurde mir in freundlicher Weise von Fräulein Angela Jaggy in Kippel aus den Kirchenbüchern des Priorates Kippel zusammengestellt. Einige Angaben stammen aus dem Steuerregister von Raron. Der Stammbaum konnte bis ins 16. Jahr hundert zurückverfolgt werden.   Andreas Ryeder , geb. 1589 , gest. 1664 wurde von den oberen fünf Zenten als Meyer (d.h. Verwalter) über das Lötschental eingesetzt. Sein Urenkel Martin Rieder (1722—1798) wird 1770 d.h. mit 48 Jahren Chirurgus von Pago Wiler genannt. Dessen Sohn Johann Andreas Christian Rieder ( 1762—1833) wird 1829 im Steuerregister Vorsteher (Gemeindepräsident ?) und Chirurgus genannt. Sein Sohn Johann Martin Nicolaus Rieder (1800—1845) ist der Vater von Dokterxander. Er wurde zusammen mit seinem Vater im Steuerregister von Raron erwähnt als Doctor und Vorsteher.   Wir finden dann später folgende Angaben über Dr. Martin Rieder: 1833 Castellan, 1834 Alt-Castellan, 1836 erneut Castellan, 1837 Vorsteher, Castellan und Doctor. 1841 Alt-Castellan und Chirurg 1843 Alt-Castellan und Chirurg, und in der Sterbeakte 1845 Alt-Castellan und Chirurg. 1841 notiert der Portraitmaler Lorenz Ritz in seinem Portrait Verzeichnis: Nr 430 M. Rieder, Médecin de la vallée de Lötschen, Sion. - Die zwei Ahnen von Dr. Martin Rieder, welche "Chirurgus" genannt werden, erhielten wahrscheinlich die damals für Chirurgen mit nur lokaler Praxisbewilligung übliche Ausbildung. Nach Prior Siegen, der wahrscheinlich in persönlichem Gespräch mit Dokterxander einiges über dessen Vater erfahren hat, absolvierte Dr. Martin Rieder einen zusätzlichen längeren Kurs in einem grösseren Spital, am wahrscheinlichsten im Inselspital in Bern [6] Die akademisch ausgebildeten Ärzte —damals ungefähr 13 im ganzen Kanton— holten sich ihr Wissen und Titel (Dr.med.) an einer der grossen Universitäten wie z.B. Wien, Bologna, Paris etc. [7] Das Amt des CastelIans übertrugen die Distrikte einem angesehenen Mitbürger. Seine Aufgaben entsprachen damals denjenigen eines Regierungsstatthalters und eines Vertreters der Talschaft bei der Regie (in Sion) wo Dr. Martin Rieder mit dem Maler J. Ritz bekannt wurde.   Dokterxander, Johann Josef Matin Ludwig Alexander Rieder (1833—1916) war 12 jährig, als sein Vater mit 45 Jahren verstarb. Durch den frühen Tod seines Vaters wurde dem aufgeweckten Knaben eine seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechende Ausbildung versagt. Getragen durch die Erinnerung an seinen Vater und mit Hilfe der ererbten Bücher und Instrumente bildete er sich als Autodidakt zum Laienarzt aus. Später wurde er durch die akademisch ausgebildeten Ärzte, mit welchen er Kontakt hatte weiter instruiert. Diese waren froh darüber im häufig abgeschlossenen oder nur durchlange Ritte in unwegsamem Gelände erreichbaren Lötschental einen kundigen Mitarbeiter und "Stellvertreter" zu haben. Von der dankbaren Talbevölkerung wurde ihm dann der "Titel" Dokterxander geschenkt.   Diese Daten lassen eindrücklich erkennen, wie während 160 Jahren die Betreuung von Kranken und Verunfallten in den Händen einer im Lötschental ansässigen Familie lag [8]

Ausklang

 Alexander Rieder aus Wiler genannt der "Dokterxander" übte im Lötschental während über einem halben Jahrhundert eine segensreiche Tätigkeit als Laienarzt und guter Samariter aus, in einer Zeit als das abgeschlossene Bergtal als Folge der Franzoseneinfälle verarmt war und seine Heimatgemeinde durch die Brandkatastrophe von 1900 in grösste Not geriet. Ein tiefer Glaube und die Erinnerung an seine Familientradition halfen ihm, seine verantwortungsreiche und schwere Lebensaufgabe zu erfüllen. Demuth und Bescheidenheit verhinderten, dass der in der Einsamkeit wirkende Autodidakt seine Wirkungsmöglichkeiten überschätzte. Durch genaues Beobachten und im engen Kontakt mit der Schulmedizin suchte er zeit seines Lebens sein Können und Wissen aufzubauen. Drei Jahre vor seinem Tode erlebte er noch die Erschliessung des Lötschentales durch die Eröffnung des Lötschbergtunnels. Der erste akademisch ausgebildete Arzt liess sich jedoch erst 1930 im Lötschental nieder.
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