Das Buch von Fischbiel

Carl Stäubli hat in seine Weihnachtsferien 1965-1966 mehrere interessante Fakten und Geschichten über Fischbiel zusammengebracht in was er nannte "das Buch von Fischbiel".  Schrittweise werden wir die verschiedene Themen aus seinem Buch an dieser webseite hinzufügen. Bestimmte Abschnitten, wie über Flora oder Vögeln, werden anderswo auf dieser Webseite präsentiert. 

Prolog

Weihnachtsferien 1965/66: Wir hatten das Treimadhaus frisch bezogen. Jeden Morgen stand ich auf dem Balkon, um nachzusehen, ob der Skilift auf Holz schon fuhr. Erasmus Lehner stieg jeweils von Kippel her per Skilift und Fellen zur unteren Station des neu erstellten kleine Skilifts auf Holz auf. War der Lift in Betrieb, beeilten wir uns, Herrn Lehner mit den Fellen zu erreichen. Später entstiegen dann bleiche Engländer Mitglieder der vor kurzem gegründeten Gesellschaft zur Entwicklung des Lötschentals zweiwenig bergtauglichen Raupenfahrzeugen. Unter der Leitung von Christoph Lehner, eines bekannten Slalomfahrers, übten die Engländer mit viel "fun" ihre Stemmbogen. Manchmalentgleiste das Skiliftseil. Herr Hürlimann, der beleibte Lieferant des Occasionlifts, musste dann in die Masten steigen. Seit einigen Jahren hatten Engländer das Lötschental auch als Wintersportgebiet entdeckt. Sie logierten mit Vorliebe im sonnigen Berghaus Lauchernalp. Beim gemütlichen Abendhock erzählte ihnen der Wirt und Bergführer Willi Lehner vom kärglichen Schicksal seines Heimatdorfs Wiler.

Wiler

 Am 17. Juni 1900 brannte das einst wohlhabende Dorf Wiler vollständig ab. Die gesamte Infrastruktur und alle Dokumente wurden zerstört. Wiler verlor seine Geschichte. Nur die Kirchenbücher in Kippel und die Steuerrodel in Raron zeugten noch von der früheren Existenz dieser Gemeinde. Dem guten Talsamariter Doktor Xander gelang es, das vom bekannten Porträtisten Lorenz Riz gemalte Bild seines Vaters, dem Arzt und Talcastlan Dr. Martin Rieder, zu retten. Lange Zeit lebten die Bewohner von Wiler in grosser Armut. Die jungen Leute, nach der grossen Katastrophe nicht mehr durch allmächtige Traditionen gehemmt, sehnten sich nach sozialem Fortschritt. Weltoffene jüngere Männer begannen, gegen das harte Regime der Alten auf zu begehren. Der junge Revierförster und spätere Posthalter Max BelIwald erkannte die Gefahr, welche die unbeaufsichtigt in die Wälder getriebenen Ziegen für den Jungwuchs bedeuteten. In Vorträgen in Schulen und in Zeitungsartikeln erklärte er, wie die kaum noch wirksamen Schutzwälder wieder gesunden könnten. Im Winter 1950/51 richteten Lawinen dann in Wiler grossen Schaden an. Eine Lawine fuhr von Biel durch den Altamattenwald zu Tal und die Tennbachlaui stürzte als Staublawine gegen den Ostteil der Altamatten. In Eisten wurde das Hennahuis, das noch aus dem 15. Jahrhundert stammte, samt seinen Bewohnern verschüttet. In der Folge gelang es, die Ziegen aus dem Gemeindegebiet Wiler vorübergehend zu verbannen.

Die Berggüter von Fischbiel

 Die Berggüter liegen auf einer Sonnenterasse am Fuss des Spalihorns auf einer Höhe zwischen 1900 und 2000 M.ü.M. Auf ähnlichen Terrassen und in gleicher Höhenlage liegen die Guggistafel, die Hockenalp und die Faldumalp. Diese Sonnenterrassen sind wahrscheinlich die Reste eines uralten Talbodens. Die Siedlung Fischbiel liegt in einer reizvollen, in sich abgeschlossenen Landschaft. Seitlich begrenzt wird sie durch die beiden Wildbäche Milibach und Tännbach. Hoch über ihr ragen die zweizerklüfteten Türme des Spalihorns aus dem Trümmerfeld. Gegen das Tal zu fällt ein mit prächtigen Lärchen dicht bewachsener Wald steil ab.

 Das ganze Gebiet wurde geformt von einem mannigfaltigen System von Moränen der letzten Eiszeit (endglazial). Sie gaben dem Gelände seine weichen Strukturen ein Glücksfall für die Viehwirtschaft. Mitten durch diese weichen Formationen steigt vom Netzboden der zackige Fels Grat des Tschuggens auf. Es ist spannend, das Spiel der Moränen zu verfolgen. Der MiIibach wird gegen Westen von der mächtigen Längs Moräne von Arbegga flankiert. Die östliche Längsmoräne ob Steinegga verbreitet sich unterhalb des Flüemadwangs und biIdet den Rücken der Treimad. Weiter talwärts teilt sie sich dann in drei Zipfel, welche noch unterhalb der heutigen Fahrstrasse als dreigegen die Flühe hinunterragende Kämme sichtbar sind. Der Fischbiel ist der Rest einer älteren, schräg gesteIlte Moräne, deren Westzipfel, den jüngeren Moränen gleich, über die Fahrstrasse gegen die Flühe ragt.

 Die Flüemad biIdete über sehr lange Zeit den Gletscherboden des MiIibachgletschers. Sie ist deshalb von einer zusammenhängenden Lehmschicht bedeckt. Seither hat sich im Lauf von Jahrtausenden eine nur wenige Zentimeter dicke Humusschicht gebiIdet. Die Wiesen von Flüemad waren bis vor kurzem ertragreiche Blumenwiesen. Den Hügel von Waldbinen und den Bielmuss man als frühe Endmoränen deuten. Das Seebord, ein Ausläufer des Biels stösst an die grosse Moräne von Steinegga. Der Name Seebord stammt von einem kleinen Seelein, das sich dank einer Lehmschicht im Frühling biIdet.

 Julius Rieder, der neue Förster, errichtete in manchen gefährdeten Wäldern Schneeverbauungen und pflanzte vier tausend Lärchen, welche seine Frau im eigenen Garten gezogen hatte. 1957 erschloss er mit seinen ForstgehiIfen beide Alpen durch solide Alpstrassen. Die Strassen wurden von der Eidgenossenschaft mit finanziert.

Willy Lehner erzählt

 Dies alles erzählte Willy Lehner. Er hatte während des Krieges im Engadin als ZölIner gedient und später den raschen Aufschwung erlebt, den der Wintertourismus den Gemeinden brachte. Der junge in London arbeitende Architekt David McLennan hörte den Erzählungen aufmerksam zu. Eines Abends setzte er sich mit WiIly Lehner zusammen. Auf einem alten Briefcouvert entwarfen sie die zu künftige Sportstation Lauchernalp Fischbiel. Zurückgekehrt in den Nebel von London arbeitete McLennan den Entwurf aus und warb unter seinen Freunden und vielen Interessenten mit einem wunderschönen Prospekt. Der damalige Gemeindepräsident Johann Roth, welcher schon vor Jahren die Strickindustrie ins Talgebracht hatte, begeisterte sich für das Projekt und gründete eine Chalet/Zimmereigenossenschaft. Innozenz Lehner, der Bruder von WilIy, Jurist und späterer Nationalrat, wagte die notwendigen juristischen und politischen Schritte. Das Projekt fand in Bern Zustimmung. Die Bürger von Wiler verkauften ihre schönsten Wiesen auf Fischbiel und Holz.


Heute, dreissig Jahre nachdem Erasmus Lehner den ersten Skilift auf Holz in Betrieb gesetzt hat, ist aus der Lauchernalp ein Sportort geworden, der in der ganzen Schweiz wegen seiner Schneesicherheit und wegen seiner rassigen Pisten bekannt ist. Die Feriensiedlung auf Fischbiel ist auf 40 Wohneinheiten angestiegen, und auf der Lauchernalp dehnt sich ein grösseres Dorf aus. Wiler blühte auf. Die jungen Leute finden nun im Tal Arbeit und müssen nicht mehr im Unterland ihrem Lebens verdienst nachgehen.

Das Treimadhuisi

Carl Stäubli hat in Das Buch von Fischbiel mehrere Zeichnungen und Fotografien vom Treimadhuisi  aufgenommen. Leider haben dieser Bilder bei der digitalisierung deutlich an Qualität eingebüsst. Hier soll noch etwas nachgeholt und vielleicht ergänzt werden mit neue Bilder.

Die Viehwirtschaft

 Für die ersten Bauern der Jungsteinzeit und Bronzezeit im Wallis spielten grössere Schaf und Ziegenherden eine wichtige Rolle, wogegen die Bauern im schweizerischen Mittelland ihren Fleischbedarf durch Züchtung von Rindern und zeitweise auch von grösseren Schweineherden deck ten. Im Lötschental kam die Viehzucht erst mit den ersten Dauersiedlungen auf. Schon im Mittelalter spezialisierten sich die Lötschentaler Bauern auf die Grossviehzucht und entwickelten bald eine dem Talangepasste Viehwirtschaft, die bis in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts gepflegt und verfeinert worden ist. Die Grossviehzucht war damit zum wichtigste Erwerbszweig geworden. Dazu kamen in den Bergen freiherumziehende Schafherden, die von "Geissbuben" gehüteten Ziegenherden sowie einige Schweine.   Gemäss Viehzählung vom 19. April 1901 setze sich der Nutztierbestand im Tal damals wie folgt zusammen: 20 Pferde und Maultiere, 2 Esel, 969 Rindvieh, 22 Schweine, 1502 Schafe, 500 Ziegen und 25 Bienenstöcke.

Jahresrythmus

 Ende Juni nicht früher als zu St. Peter und Paul(29. 6. ) zogen Frauen, Kinder und junge Töchter mit den Kühen und Rindern auf die Alpen. Dabei war streng darauf zu achten, dass die Matten des Privateigentums, das he isst die Berggüter, nicht durch das Vieh Schaden nahmen. Die Grossviehherde der Weritzalp Genossenschaft wurde auf dem breiten Wyssrieder Kirchpfad zur Kapelle "Maria am Weg" und hinüber zur Terra und von dort durch die Wälder am Netzbord vorbei auf die Alp getrieben. Das Vieh der Lauchernalp Genossenschaft zog durch den Bannwald hinüber zum Turand. Ein dritter Weg führte nach überquerung des Milibachs steil hinauf zum Egg, dann weiter zur Waldmattu. Von dieser zweigte ein Pfad durch das Stockbord hinauf zur Weritzweng. Ein anderer Viehpfad zog über den Fischbiel die Treimad und den Flüemadwang nach Steinegga und weiter über den Rücken der grossen Moräne hinauf bis zur Alpwangsuon. Der Viehweg verlief dann oberhalb der Felsen nördlich des Murmlochs hinüber zur Weritzstafel. Der Tennbach wurde auf einer prächtigen Steinplatte überquert (sie liegt wenige Meter oberhalb der heutigen Fahrstrasse).   Auf den Alpen verwertete man die ganze MiIch. Während die Sennerinnen mit ihren Kindern in den kleinen Hütten (mit Stall) auf den Alpen lebten, begann im Talder Heuet. Zum Heuen auf den Berggütern vereinten sich dann die FamiIien tagsüber wieder. Das Heu wurde in den nächstgelegenen Scheunen eingelagert. Wenn das Futter auf den Alpweiden knapp wurde, trieben die Sennerinnen das Vieh täglich sorgfältig auf die "uisorts" am Fuss des Spalihorns gelegenen Weiden. Später verliess das Vieh das Gelände der Alpgenossenschaften. Die Herden wurden getrennt und die Tiere nutzten nun die Matten der Berggüter.

Das Hirtenleben

 Bis zum Bau der Alpstrassen (1957) konnte das Heu nicht ins Talhinunter transportiert werden. Es wurde auf den Berggütern in Scheunen gelagert, welche jeweils mit einem Stallkombiniert waren. Vor dem Einwintern wurde das Vieh in diese Ställe getrieben. War das Heu gefressen, trieb man die Tiere in die nächsten, tiefer gelegenen Ställe, Gegen Frühling erreichte man so die Ställe im Dorf. Scheunen, die im Lawinengebiet standen, nannte man "Zigschürli". Sie besassen keinen Stall. Gegen FrühIing, wenn der Schnee morgens hart gefroren war, zog man dann das Heu "burdinenweise" hinab ins Tal. Dieses "Heuschleipfen" wurde jeweils zu einem Fest für die ganze Jugend (siehe dazu die Erzählung von Max BelIwald).   Die Ställe ohne ausgebaute Scheunen hiessen 'Terrich". Man stopfte das Heu zwischen Stalldecke und Giebel. Gebäude, die direkt in einen Lawinenzug gebaut wurden, erhielten anstelle eines Satteldaches ein Pultdach. Die Betreuung des Viehs in den Berggütern während des Winters nannte man "Hirten" , Sie wurde meist von jungen Burschen und allein stehenden Erwachsenen besorgt. Diese wohnten in kleinen "Hirthuisit' mit Schlafplätzen für bis acht Personen. Die "Huisi" hatten bis 14 Besitzer, waren aber nicht im Register eingetragen. Half eine Familie bei einer fälligen Reparatur nicht mit, verlor sie ihren Anteil am "Huisi". Das Leben im Huisi war streng geregelt. Der älteste Mann war der "Vater" und hatte Befehlsgewalt. Die älteste Frau hiess Mutter. Der Jüngste war der "Weller". Er musste die TrinkmiIch abkochen und dreimal aufwallen Iassen. Jeder Hirt hatte sein eigenes Brot, seinen eigenen Käse und sein eigenes Trockenfleisch. Das Kaffeepulver wurde in Gläsern getrennt aufbewahrt und der Reihe nach verwendet. Die Männer schliefen auf Pritschen und "Gutschinen" (einfachen, mobilen Betten, welche unter den Pritschen standen). Die Frauen schliefen auf Strohsäkken am Boden.   Gegen Abend besorgte man das Vieh in den umliegenden Ställen. Ein Stallgehörte vier Familien, jeder Viertelhatte seinen besonderen seitlichen Zugang zum Heu. Auch der Mistplatz war geviertelt. Besonders mühsam war das Tränken, musste man doch das Wasser mit der "Melchtra", dem Milchkessel, aus der oft metertief unter dem Schnee versteckten Suon schöpfen. Nach dem Aufwallen der Trinkmilch sass man zum gemütlichen, aber sehr kargen Nachtmahl zusammen. Es bestand aus Milch, Brot und Magerkäse, oder getrocknetem Schaf Fleisch.

Johann Roth erzählt

 Im wiederhergestellten Treimadhuisi erzählten uns ältere Männer aus dem Tal oft ihre Hirtenerlebnisse. Abends, wenn es schon dunkel war, wurde gespielt. Wenn ein Sturm aufkam und es draussen um die Ecken pfiff und jaulte, erzählte man sich schaurige Gespenster Geschichten bis niemand mehr wagte, die Petrollampe zu löschen.   Am Morgen, nach der Besorgung des Viehs, wurde die Milch im "Tuitälli" gesammelt und ins Talgebracht. Mit dem Bergstock bewehrt glitten die Hirten in raschem Tempo die steilen Pfade ins Talhinunter. Dabei wurde streng darauf geachtet, die Aufstiegspur mit ihren guten Tritten nicht zu verderben (Wenn doch diese Regel auch heute noch befolgt würde!). Über Tag mussten dann die Hirten noch ihren Eltern Arbeit abnehmen und stiegen dann gemeinsam gegen Abend wieder hinauf zu ihrem Vieh.

Johann Roth erzählte von seinem ersten Winter im Treimadhuisi: "Als ich vierzehn Jahre alt geworden war , erlaubte mir meine Mutter, unsere Kühe im Treimadeggu Stall zu besorgen. Die am Stall vorbeifliessende Suon war vom Weststurm schneefrei gefegt, sodass das Tränken der Tiere rasch erledigt war. Wir hatten uns eine steile Schleppspur zum Treimadhuisi angelegt und konnten die Milch sicher ins Feuerhaus bringen, ohne sie auszuschütten". Das altertümliche, 1776 erbaute Haus hatte keinen Stall. Es wurde nach der Art des alten Gotthardhauses gebaut. Vor dem nach Osten gerichteten Eingang war mit alten Lärchenbrettern eine Art Windfang errichtet worden. Nach Norden liegt das steinere Feuerhaus mit der Trächa, einer offenen Feuerstelle. Vom Feuerhaus konnte der Giltsteinofen im hölzernen Korb, der Stube, geheizt werden (siehe auch Grundrisse). Der Rauch des Ofens qualmte durch eine Öffnung ins Feuerhaus zurück und zog durch das Schindeldach. Johann Roth wurde als Jüngster vom "Vater" zum MiIchweller ernannt. Der Weller stand mit tränenden Augen im Feuerhaus, auf dem Dach verhinderte Neuschnee das Ab ziehen des Rauchs. Die älteren Hirten hatten sich in zwischen zu einem gemütlichen Jass hingesetzt. Die Milch war noch kaum warm. Deshalb flüchtete sich der Weller in die Stube, um den Jassern zuzusehen. Nach einigen Augenblicken kehrte Johann zu seiner Milch zurück. Sie war verschwunden. Vor der Türe führte eine frische Spur hinunter zum Fischbielhuisi, wo der junge Weller zwei Henzenbrüder beim Jassen fand. Auf dem Giltsteinofen dampfte die Milch. "Bring Du uns Dein Fleisch, dann bekommst Du Deine Milch zurück " sagten die beiden. Traurig holte Johann das von seiner Mutter sorgfältig verpackte Trockenfleisch aus der Tischschublade. Lachend schnitten die beiden Henzensöhne ein kleines Fleischstück ab. Den Rest durfte Johann mit der Milch ins Treimadhuisi tragen.

Otto Imseng erzählt

 Otto Imseng hat in seiner Jugend häufig im Treimadhuisi überwintert. In den frühen Jahren mit seinem Grossonkellgnaz, dem Zimmermann, der auf Arbeggu wohnte und den Sengersteg gebaut hat. Eines Abends, als viele Junge zusammen waren, sass man noch lange in lebhaftem Gespräch beisammen. Endlich entschloss man sich, zur Ruhe zu gehen. Die jungen Frauen holten ihre Strohsäcke aus der nebenstehenden Scheune und zogen im Feuerhaus (der Küche) ihre Überkleider aus. Die Männer lagerten sich auf den Pritschen und Gutschi. Otto Imseng löschte die Petrollampe und hechtete über seinen Nebenmann auf seinen Pritschen Platz an der Hüttenwand. Die Pritsche krachte zusammen und der darunter liegende "Vater" rief in die Küche hinaus: "Nid iha ko! " und das während einer Viertel stunde. Denn solange dauerte es, bis die Pritsche repariert war und solange mussten die frierenden Frauen in der Küche warten, bis sie sich in der Stube auf ihre Strohsäcke am Boden hinlegen durften. Hier auf betete der "Vater" den Rosenkranz und es wurde still.

Johann Lehner erzählt

 Johann Lehner erzählte: "Im Winter am Ende des letzten Krieges hirtete ich mit Josef Imseng allein. Es schneite in grossen Flocken, und der Wind hatte zu blasen aufgehört. Wir legten uns erst spät zur Ruhe und erwachten auch spät. Als wir durch den tiefverschneiten Windfang krochen, war der First weg. Seit dem Bau des Huisis 1776 war es das dritte Mal, dass ein lautlos niederfahrendes Schneebrett den First wegtrug. Johann Lehner erzählte auch, dass die goldene, grosse Schieferplatte auf dem Dach des Treimadeggustalls vom bärenstarken Moritz Imseng mit der Ruckgabelvom EI wer tätsch herunter getragen worden sei.

Josef Imseng erzält

 Josef Imseng half mir zehn Zwölftel des Treimadhuisis zu erwerben und damit zu retten. Das kleine Häuschen versank fast im Bauschutt der fünf umliegenden, neuen Häusern. Die Schindeln waren vom Firstbalken abgeglitten und dieser begann zu faulen. Ebenso erging es den bergwärtigen Balken. Josef Imseng erzählte mir vielüber die Geschichte des kleinen Hirtenhauses. Es war 1767 von acht FamiIien erbaut worden, deren Namen Josef Imseng noch kannte. Unter ihnen befand sich Peter Tannast. Angela Jaggifand ihn in den Kirchbüchern von Kippelals Peter Tan nast, der Zimmermann. Das Haus war also unter kundiger Leitung gebaut worden. Selbst im schlimmsten Sturm war denn auch darin kein Lufthauch zu spüren. Das Haus wurde entgegen den meisten Hirtstuben dieser Zeit ohne Stallgebaut, lag es doch neben einer grossen Scheune mit Stall, welche später zum Fluemadhuisitransportiert und durch eine kleine Scheune ersetzt wurde. Die Scheunen auf Fischbielwaren alle über Ställen aufgebaut und heissen in den Büchern "Scheune und Stall" Der Kürze wegen werden sie im folgenden einfach Scheune genannt. Decken und Firstbalken wurden vom Tal von starken Männern hochgetragen. Einige Balken stammen von Hostätten der Umgebung.

Moritz Werlen erzählt

Einige frühere Besitzer sahen sich während dem Heuet das wieder hergestellte Häuschen an. In der gemütlichen Stube wurden Erinnerungen an das Hirten während ihrer Jugend wach. Bald schon mussten wir den 1776 erstelIten Specksteinofen abdichten lassen. Moritz Werlen, der letzte Specksteinofenbauer im OberwalIis, ersetzte die gebrochenen Ofensteine durch solche aus seinem Keller. Er erzählte, wie er jeweils in den Specksteinadern an der Inneren Wilerrig und am Nestgletscher mit der Säge eine dicke Platte heraus sägte und an einem kurzen, durch ein gebohrtes Loch gezogenen Seil zu Tal schleifte. Als junger Mann galt er als flink und kühn. Wenn er als Tschäggäta durchs Dorf rannte, schlossen die Jungfrauen die Fenster im ersten Stock, sonst wäre er mit einem kühnen Sprung bei ihnen gelandet. Auch sauste er in Rekordzeit auf seinen Bergstock gestützt ins Tal. Mit einem gellenden Schrei rannte er wenige hundert Meter unterhalb des Flüemadstegs vom Bannweg hinunter in den Wang zum Milibachtobel

Die Suonen

 Blicken wir den kleinen Längsmoränen entlang gegen die Flüen, fallen die in regelmässigen Abständen rechtwinklig abzweigenden Rippen auf, die auf die Wiesen hinaus führen. Es sind Schwemmkegel das Endstück der uralten Bewässerung durch die Kanäle, denen das Wallis seine grosse Fruchtbarkeit verdankt. Ein solcher Kanalheisst im Oberwallis "Suon", im französichen Sprachgebiet "Biss". Ihr Schwemmkegel wird im Lötschental "Scharpf" genannt.  Diese Wasserkanalsysteme sind uralt. Die älteste Suon in Visperterminen heisst "Heidensuon" Als Heiden wurden die Römer bezeichnet, später bekam die Bezeichnung "Heiden" die Bedeutung von "sehr alt" das älteste Haus im Lötschental heisst "Heidenhaus". Es wurde im 15. Jahrhundert in Eisten gebaut und 1950 von einer Lawine zerstört. Anlässlich einer Reparatur an der "Niwen Suon" wurde in Visperterminen die Jahreszahl 1680 in den Felsen gehauen, Zum bühl und Holzhauser wiesen bei einem Stück Lärchenholz an der Aletsch Suon auf der Höhe von Stock f liie dendo chronologisch (das heisst aufgrund des Jahrringmusters) nach, dass der betreffende Baum 1510 gefällt worden war. Für einen Lärchenpflock der Bisse de Crans bestimmte Heinz Egger ein FälIdatum zwischen 1540 und 1550. Man darf ruhig sagen, dass in den Suonen zum Beispiel in Visperterminen oder Baltschiedern die Baukunst der Römer bis in die heutige Zeit überlebt hat. Eine alte Oberwalliser Sage endet mit dem stolzen Satz: "Seit. dieser Zeit wässert in der übrigen Schweiz der Heiland, im Wallis wässern die Walliser selber.   Im Lötschental gab es nur eine grössere Suon: die "CastlerenSuon t'. Sie führt das Wasser von Ried über die Wüsten Matten nach Ferden. Sonnseits wurden die trockenen Heiden mit einem System von vielen kleineren Kanälen bewässert, welche Wasser von den Wildbächen bezogen. Im Winter, der Zeit des Hirtens, durfte die Suon nicht austrocknen, weshalb man die Fassung bis in die Mitte des Wildbachs verlegte. 10 bis 15 Meter unterhalb der Fassung wurde ein Kurzschluss zum Bach gelegt, um die Wassermenge regulieren zu können. Die Verteilung des Wassers geschah nach überlieferten, strengen Regeln und wurde in "Tesseln" einer Art hölzernem Kalender, festgehalten. Um frevlerisches Ableiten zu vermeiden, galt die Regel, dass eine Suon eine Landparzelle nicht durchqueren durfte, sondern dem Rand der Parzelle entlang fliessen müsse. Ging man bewässern, so hiess das "schrapfen" gehen oder den "Wasserkehr" nehmen. Man nahm eine "Sappal" eine kombinierte Quer und Parallelhacke, zum Ausbessern der Suon und das "Wasserbird" um das Wasser in der Suon zu stauen und über den "Scharpf" zu leiten. Jedes Hirtenhuisi hatte Anrecht auf Winterwasser. Ein Wasservogt sorgte dafür, dass die mündlich überlieferten Regeln eingehalten wurden, die meist aus früher Vorzeit stammten.

Das System der Suonen um Fischbiel, in der Flüemad

 A) Alpwanesuon: diese grosse Suon wurde in der Höhe zwischen Spalihorn und Tennbachhorn gebaut. Sie führte hinab in den Alpwang und wurde zum Tränken des Viehs der Weritzstaffel genossenschaft benutzt. Das Wasser des MiIibachs war für das Vieh der Lauchernalpgenossenschaft reserviert. 

1) Steineggensuon: Milibach Steineggamoräne nördlich des Murmlochs hinunter nach Rots Moos, in den östlichen Teil der Altamatten zum Waldbinenhuisi. a) Abzweigung hinunter über den Rücken der grossen Moräne zum Seebord, dann weiter bis gegen die Blatten scheunen. b)        Abzweigung am Ostende des Murmlochs in einer Holz rinne und anschliessend über einen kurzen Damm zum Biel. Verteilung in einen am Nordfuss des Biels bis zum Seebord fliessenden und einen gegen das Bielhuisi hinziehenden Ast.

2) Blattensuon: Milibach BIattenscheunen Hablascheunen hinunter in den mittleren Teil der Altamatten.

3) Sengersuon: MiIibach Blattenschucht.

4) Treimadsuon: Milibach Treimadeggu Blattaschlucht, unter dem Tschuggen durch zum Altamattahuisi und Eistli. Sie wurde am Übergang von der Treimad zur Blataschlucht durch eine sehr alte Mauer vor Schäden durch Schnee und Steinschlag geschützt. Abzweigung über die Moräne hin unter zum Treimadhuisi.

5) Fischbielsuon: Gut ausgebaute Suon: Milibach unterhalb Treimadhuisi hinunter auf den Netzboden, dann über einen Damm zum Ostrand des Fischbiels hinunter zur Tröchni und weiter zum Bärried Abzweigung unter dem Treimadhuisi hinab über die Moräne zum Flüemadhuisi, dann zum Fischbielhuisi und weiter in den Rüffiwald.

6) Flüemadsuon: MiIibach zu den kleinen Längsmoränen und in den unteren Teil der Flüemad. Die ursprüngliche Trockenhalde der "Tröchni" wurde später durch die Fischbielsuon bewässert, heute wahrscheinIich durch den unterirdischen Abfluss des Fischbielseeleins. Bei Bärried hat sich ein Feuchtstandort mit Schilf entwickelt.


Die Domherren

 Hoch oben im Murmloch steht an den Hang angelehnt ein kleines Berggut, das höchstgelegene und zugleich kleinste Hirtenstübli. Seiner Grösse wegen wird es Dom genannt. Die Hirten im Dom waren die Domherren. Die angebaute StalIscheune hat ein Normalmass, das Huisi hingegen ist munzig. Das Fürhuisi ist 3 Meter breit und 1 Meter tief. Es enthält die "Trächa" eine Steinplatte, als Herd. Der "Korb" die Stube mit Pritsche, Gutschi, Specksteinofen, Tisch und Stuhl, misst 3 mal1,5 Meter. Das Häuschen wurde wahrscheinlich 1902 gebaut, das heisst zur Zeit grösster Armut nach dem Dorfbrand von Wiler Im oberen Teil der Treimad steht eine uralte, heute überdeckte "Hostat" von gleichem Ausmass. Das Huisi ist aber im Westen der StalIscheune angebaut und nicht unterstallt, Im Lötschental bedeutet Hostat (plural: Hostät) die stehengebliebene Grundmauer eines Gebäudes, das nutzlos geworden ist oder von einer Lawine zerstört wurde. Das Balkwerk wurde zur Wiederverwertung abgetragen. Über den kleinen Dom und die Domherren gibt es viele Geschichten. Marcus Seeberger, der als Jüngling auf einem Berggut oberhalb Kippel gehirtet hat, schrieb mir eine Dom-Geschichte im markanten Lötschentaler Dialekt auf.

Original

 D heitr Biisa ischt an ischchaltä, uheimlich staarchä Nordweschtwind, wa in dr Hee ji ds Wintrsch vii und oft tuäd schtirm'n und pfiffun und wa in Bärghirtärn - Wibuvolch und Mannuvolch -, wo vor'm Biuw va Faarwägun bis int Alpä im Wintermaanud und im Chrischtmannud inn hegschtän Giätrin heind ds Vee sorgäd, mängischt leid hed 's schaffun gigään. Äsoo undr andrimoich oich ds Petrhannsch Christa-Josab, wa isch vor etIichä Jaar 'nr ämmal ditz Gschichtli hed verzelId: "Aes Jaarsch hed's scho vor AldrheiIigun ä selihi chleipu ghäbäd gschniid, das mr nimmö, wiä suscht alli Jahr'n z'm Murmloch heichen z'Heiw faarn. Miär sinn duä erscht z'ingam Abrell bidm ganz'n Gizuidl imbruifgiziglud und hein wuchälang ds weegschtuscht Wättr ghabäd. Wa duä ds Heiw langsam ischt z'Aend ggang, hed's as Moorg'ndsch angfang schniin und hed duä tagalang gschniid und gschniid coni ä limi, und miär hetti selln firufstelIen. Wa's äntlich num hed gheiträd, hein ich und iischä Xandr und nuch ds XiIIjusch Zächi zween guät Taga miäss'n ga wägu, suscht wee mr bid'm Rindervee ubrhoipt nid vam Schtall furtchoon. Undrm Seebord ischt di Traba äsoo teiffi gsiin, das ich bid dr Schneehoiwun nid han meg'n imbruif ufn Rand grragan. Miär siin dr Meinung gsiin, in där Trabu chennä nix mee passär'n. Abr da hein mr isch leid ghabäd gitrumpiärd. Bi heitrhellm Himmel ischt churz bivor mr siin zwäg gsiin än Bisä ufchoon, wiä ich scha niä drvoor und oich niämee drnaa han rläbt. Abr miär hein miäss'n gaan, ob mr welln hein wold niid. Dr Xandr hed di Bliammu - d wegschtu Chuä, wa mr äswenn hein im Schtall ghabäd - vorna än dr Chetti gfiärd, und iich han dra hindrna im Schwaanz Rreidi gigan, so guät as ich han chenn. Zeerscht ischt alls guät gigang. Wa mr abr ab uf ds Boord si chon, ischt dr heitr bid äm selich'n Blaascht in di Trabu gfaar'n, das mr vor luitr Schnee kei Stich me heid gseen. Und wa schich dr uifgwirblut Schnee äntlich hed ghabäd gleid, heinmr eerscht gmerkt, das är nummamee d Schlag van der Chetti hed ind dr Hand ghabäd, und iich 'n Schwanz van dr BIiämmu, abr d Chua ischt niänamee umha gsiin. Jaja, das chan ich ä sägä: Wells d heit'rrun Biisa niä hed rläbt, chan das veilicht fascht nid gloib'm; abr äsoo isch das duämalun gsiin, and nid andrscht".

Übersetzung

 Die "heitere Bise" ist ein eiskalter, unheimlich starker Nordwestwind, der im hohen Winter häufig stürmt und pfeift und der den Berghirten, Frauen und Männern, die vor dem Bau von fahrbaren Alpwegen im Wintermonat (November) und im Christmonat (Dezember) in den höchsten Berggütern das Vieh besorgten, häufig arg zu schaffen gab. So unter anderem auch Peter-Hansens Christian-Josef, der uns vor vielen Jahren folgendes Geschehnis erzählt hat: "Eines Jahres hatte es bereits vor AlIerheiIigen (1 November) einen solchen Haufen geschneit, dass wir nicht mehr, wie alle anderen Jahre, mit dem Vieh zum Murmloch fahren und dort mit der winterlichen Stallfütterung beginnen konnten. Wir zogen dann erst anfangs April da hinauf mit dem Gross- und dem Kleinvieh und erfreuten uns lange des herrlichsten Wetters. Als der Heuvorrat allmählich zu Ende ging, fing es eines Morgens an zu schneien, und es schneite und schneite Tagelang ohne Unterbruch. Und wir hätten mit dem Vieh zum nächsten Heuvorrat weiterziehen sollen! Als der Himmel sich endlich wieder aufheiterte, mussten ich und unser Alexander und der AuxiIius-Zacharias während zwei Tagen einen Weg ausschaufeln, sonst wären wir mit dem Grossvieh überhaupt nicht vom Stall weggekommen. Unter dem Seebord waren die Schneewände zu beiden Seiten der ausgeschaufelten Wegspur so hoch, das ich mit dem Stiel meiner Schneehaue nicht bis auf den obersten Rand hinaufzureichen vermochte. Wir waren der Meinung, dass in diesem tiefen Wegkanal nichts mehr schief gehen könne. Aber da hatten wir uns gründlich geirrt. Bei heiterhellem Himmel kam kurz bevor wir zum Abmarsch bereit waren, eine Bise auf, wie ich sie nie zuvor und später nie wieder erlebt habe. Wir mussten jedoch aufbrechen, ob wir wollten oder nicht , Alexander führte die "BIiämmu" (BIume) die stattlichste Kuh, die wir je im Stall gehabt haben an der Kette und ich fasste sie am Schwanz, um ihr Halt zu geben, so gut ich es vermochte. Anfänglich Iief alles gut. Als wir aber aufs Bord kamen, fuhr die heitere Bise mit einer solchen Wucht durch unseren Wegkanal, dass wir vor lauter Schnee nichts mehr sehen konnten. Nachdem sich der aufgewirbelte Schnee gelegt hatte merkten wir erst, dass Alexander nur mehr das vorderste Glied der Kette in der Hand hielt und ich den Schwanz der Kuh. Die "BIiämmu" jedoch war spurlos verschwunden. Jaja, das kann ich euch sagen: Wer die heitere Bise nie erlebt hat, vermag dies fast nicht zu glauben; aber so ist es damals gewesen, und nicht anders."

 Emil Rittler, ein früherer Domherr, erzählte. mir die folgenden Geschichten, welche ich in flachem Deutsch weitererzählen muss: Julius Rieder, der später Gemeindeförster wurde, hirtete mit zwei anderen jungen Männern im Dom während eines unwahrscheinlich langen Sturms. Täglich musste man sich zweimal im tiefer werdenden Schnee durch den Sturm zu den Kühen kämpfen. Die Milch konnte man nicht ins Tal tragen, sondern musste sie ausgiessen. Seit Tagen stand in der Ecke die letzte Flasche Fendant, die man nach Abflauen der Bise den Kameraden auf Steinegga bringen wollte Als dann endlich die Bise abflaute, wateten die Domherren mit ihrem Fendant durch den metertiefen Neuschnee hinüber gegen Steinegga. Kaum waren sie auf dem Moränengrat angelangt, wurden sie plötzlich von einer heftigen Sturmböe überfallen und in den Schnee geworfen. Der Sturm hielt lange an und es gelang den Männern nicht einmal, sich auf den Knien hochzuarbeiten. In ihrer Verzweiflung berieten sie, ob sie den Fendant in hohen Bogen wegwerfen sollten, denn : "Wenn man uns in einigen Tagen auffinden würde, hätte uns der Fendant für immer Ungutes angetan." Doch endlich flaute der Wind ab und ein Sonnenstrahl erwärmte die kalten Männer. Sie schüttelten den Schnee ab und stiegen dankbaren Herzens zur Steinagga hinab, wo sie den ahnungslosen Kameraden ihre Gabe überreichen konnten. An einem stürmischen Spätherbst gelang es nicht mehr, das Grossvieh in die Ställe des Murmlochs zu treiben. Im Frühling wollten Julius Rieder, Moritz Werlen und der damals 14 jährige Emil Rittler das Heu zu Tal schleipfen. Die acht Burdinen wurden am Seebord aufgestellt. Dort diskutierte man: Der vorsichtige Julius Rieder schlug den mühsamen Weg schräg durch den Altamattenwald vor, der oft waghalsige. Moritz Werlen wolIte direkt durch die Blattenschlucht hinunter auf den Netzboden fahren. Endlich kam man zum Schluss, dass der 14 jährige Emil mit seinen Burdinen die Fahrt versuchen solle. Am Anfang war die Fahrt durch den Pulverschnee herrlich. Doch auf der Höhe der Blattenscheunen löste sich der ganze Hang. Der junge Lawinenreiter konnte auf der ersten Burdine sitzend diese mit seinem Bergstock gegen den Rand des Schneebretts hin dirigieren und sich in den Schutz der Scheunen abwerfen. Sein Heu fand er erst gegen Pfingsten auf dem Netzboden wieder.

Die Fleiggrube

 Erzählt von Max BelIwald. Als 1792 die französische Armee begleitet von Truppen der aufständischen Waadt ins konservative Oberwallis einfielen, versteckten die Lötschentaler Gemeinden ihre wertvollen Dokumente, Fahnen und das gemeindeeigene SiIbergeschirr in Fleigggruben. Die Fleiggrube der Gemeinde Wiler befindet sich in der Treimad, wenige Meter oberhalb der Blattensuon. Die flache, gegrabene Höhle wurde mit einer soliden Trockenmauer gegen den Bergdruck abgeschirmt. Ein Busch verdeckt den Eingang. Drei Tage nach dem Einmarsch der plündernden Franzosen war der ganze Spuk vorbei. Die Waadtländer HiIfstruppen übernahmen die Besetzung des Lötschentals und versuchten, diesen das PIündergut wieder zurückzuerstatten. Leider fiel damals der westlich von Arbegga gelegene Arvenwald den frierenden Truppen zum Opfer. Noch anfangs dieses Jahrhunderts stand oben auf Holz eine aus Arven gezimmerte Scheune. Angela Jaggi erzählte, dass in der grossen Fleiggrube des Dorfs Kippel sechs junge Mütter mit ihren Säuglingen versteckt wurden, um das Überleben des Dorfs zu sichern. Ironie des Schicksals: Heute gehört die Fleiggrube in der Treimad einer vermöglichen, wohl ahnungslosen Dame aus Paris.

Die Zigschierli

 Oestlich vom Bielhuisi war es wegen einiger grossen Lawinenzüge nicht möglich, das Vieh auf den Privatgütern zu überwintern. Das Heu wurde deshalb in sogenannten Zigschierli gespeichert und dann gegen Frühjahr, wenn der Schnee morgens noch Stein und Bein gefroren war, ins Tal gezogen. Max BelIwald erzählte mir vom Hei schlipf: Oberhalb dem Rotsmoos befanden sich eine Reihe von Zigschierli, von welchen im Spätwinter das Heu ins Tal gezogen werden musste. Eine Reihe der Zigschierli, welche direkt im Lawinengebiet standen, trugen Pultdächer, während die drei Scheunen am Martinseck, diejenige am Weritzwang und das Glainanischierli gewähnliche Giebeldächer trugen. Im späten Februar bereiteten die jungen Männer eine fast meterbreite Schleipfbahn vor. Der Kaplan kündete in der Kapelle zu Wiler das Fest der "Heischleipfe" an. Nach der Messe stiegen die jungen Männer bergauf zu den Zigschierli, begleitet von den Jungfrauen in Festtagstracht und vielen Kindern. Auf einer Lage geflochtenem Stroh wurde je eine Burdi Heu mit einem Seil zusammen gebunden; je drei Burdinen biIdeten eine Fuhr. Auf der vordersten Burdi sass der junge Bursche und kontrollierte die Fahrt mit seinem Bergstock, der mit einem eisernen Steftel bewehrt war. Auf der zweiten Burdi sass seine junge Braut und weiter hinten waren noch einige Kinder der Verwandtschaft. Und dann fuhr die fröhliche Brautfahrt zu Tal Früher wurde die Fahrt unterhalb des Rotsmoos gebremst und die Burdinen mussten gegen den Wald unterhalb der Altamatten bis zur nächsten Abfahrt gezogen werden. Später holzte dann Corli BelIwald eine Spur durch den Erlenwald aus, hart am Tennbachtobel vorbei und hinunter zum Stockbord. Nun konnte man in einem Zug bis ins Talfahren. Der Abend gehörte dann den jungen Leuten, welchen man ein fröhliches Fest bereitete. Es dauerte meist einige Tage bis alle Zigschierli leer waren. Und da geschah es dann zuweiIen, dass der junge Mann auf der inzwischen eisig gewordenen Schleipfspur die Herrschaft über seine Fuhre verlor und mitsamt seiner Braut und den hinten aufgesessenen Kindern im tiefen Schnee landete.

Die Mitternachtsmesse

Von Marianne Stäubli Frölich. Während des letzten Weltkriegs vertrat ich wiederholt den Talarzt, Herrn Dr. Marti, wenn dieser mit den Walliser Truppen zum Schutz der Grenze aufgeboten war. Während der Abwesenheit der Männer wurde das Hirten im Winter von den jungen Frauen und den ledigen Töchtern besorgt. Kurz vor der letzten Kriegsweihnacht bat Herr Prior Siegen mich, die Reformierte, der Mitternachtsmesse in Kippel beizuwohnen. Die feierliche Messe in dem von Kerzenlichter leuchteten Kirchenschiff hatte schon begonnen, als sich das schwere Portal nochmals öffnete und ein Meer von Glitzern und aufleuchtenden Reflexen der Kerzen sich in den düsteren Kirchen raum ergoss. Die Hirtinnen waren nach dem abendlichen Melken, Füttern und Tränken der Tiere auf den Berggütern in der Dunkelheit zu Tale gestiegen. In ihrem Festkleid und dem mit goldenen Spitzen verzierten Festhut traten sie ein, um der feierlichen Mitternachtsmesse beizuwohnen.

Wandlung

Während vieler Jahrhunderte. konnte sich die Bevölkerung im Lötschental trotz vollständiger Isolation während der Wintermonate durchkämpfen. Die Lebensgrundlage war die erprobte, den Verhältnissen angepasste Viehwirtschaft: Die Heuwiesen wurden sorgfältig gepflegt und genutzt; die Bewässerung mittels Suonen ermöglichte eine Steigerung der Futter erträge. Dank Winterfütterung des Grossviehs auf den Berggütern, Vorratshaltung von Getreide und Kartoffeln, dank Genügsamkeit und Disziplin war es den Lötschentalern möglich, im abgeschlossenen Bergtal eine solide Bevölkerung aufzubauen. Eindrucksvolle gemeinsame Feste und fröhliches Brauchtum wie zum Beispiel der "Heischleipfe" haben die Verbundenheit mit der kargen Heimat gefestigt Der Bau der Lötschberglinie und namentlich auch die. Eröffnung einer wintersicheren Fahrstrasse hinab ins Rhonetal ums Jahr 1950 haben das Tal aus seiner Isolation befreit. Die BLS und die Fabriken am Ausgang des Lötschentals brachten zusätzlichen Verdienst ins Tal; andererseits fehlte nun aber die Zeit, das System der Suonen zu pflegen. Aber noch 1957 wurde beim Bau der fahrbaren Alpstrasse sorgfältig darauf geachtet, dass die Suonen funktionstüchtig blieben. Dank der Alpstrasse konnte fortan das Heu mit Traktoren ins Talgeschafft werden. Das winterliche Hirtenleben auf den Berggütern wurde nun überflüssig. Aber noch 1966 sah ich Marianne Ebener, die letzte Hirtin von Arbeggu, täglich die MiIch durch den tiefverschneiten Bannwald nach Kippel tragen. Die nutzlos gewordenen Ställe, Scheunen und Hirtenhuisi verfielen rasch. Die Schindeln rutschten vom Giebeldach und entblössten die Firstbalken. Diese faulten und brachen ein. Die Berggüter zu erhalten, war sinnlos geworden. Nach dem Verkauf der schönen, ertragreichen Heuwiesen auf Fischbiel und Holz versiegten die Suonen definitiv. Die Treimadsuon wurde in Röhren gefasst, um das Wasserreservoir von Treimadeggu zu speisen, dem provisorischen Wasserlieferanten der ersten Fischbiel siedlung.

Seit der Errichtung der Wochenend und FereinhaussiedIung auf Fischbiel und Holz haben sich Tier und Pflanzenwelt nur wenig verändert. Die Gesamtbevölkerung auf den Berggütern ist kaum gewachsen. Es ist möglich, dass das Hermelin im Bestand etwas abgenommen hat, ebenso die Viper. Der Bergdohlenschwarm ist dank wachsender Nahrungsbasis von dreissig auf rund hundert Vögel angewachsen. Die Birkhühner haben sich gegen Osten in die seltener begangenen Waldgebiete zurückgezogen. ErfreuIich ist, dass die im Unterland gefährdeten Bodenbrüter wie Braunkehlchen und Feldlerche sowie bedrohte Schmetterlinge wie der Apollo auf Fischbiel in etwa gleicher Zahl vorkommen wie früher. Die immer zahlreicheren Wanderer bewegen sich zielstrebig dem Weg entlang und vergreifen sich selten an geschützten Pflanzen.


Vergandung der BIumenwiesen auf Fischbiel

Zum Glück blieben noch einige Wiesen auf Fischbiel in bäuerlicher Hand. Die Landwirte, die die Wiesen nutzen, betrieben noch etwas Rinderzucht oder sind auf die wesentlich einträglichere Schafzucht umgestiegen. Doch ein Drittel der Wiesen wird heute nicht mehr regelmässig geschnitten. Das betrifft insbesondere die Wiesen in und um die Neusiedlung und in den für Motormäher schlecht zugänglichen SteiIhängen, wie zum Beispiel dem Flüemadwang.   Das strohige Gras, das nicht mehr geschnitten wird, kann weder von Rindern noch von Schafen abgeweidet werden. Die Wiesen werden nutzlos. Niederes Buschwerk , dann Büsche und Fichten wachsen ein. Auf dem alten Gras nicht mehr geschnittener Wiesen rutscht der Schnee leichter ab. Das begünstigt die LawinenbiIdung. Aufkommender Lärchenwald würde die Schneedecke und den Boden stabilisieren, doch Lärchen können auf vergandeten Heuwiesen nicht keimen. Für die Gemeinde ist die Vergandung der SteiIhänge ein ernstes Problem. Ein anderes Problem sind die schönen Matten von Steinegga. Der obere Teil des Flüemadwangs kann mit Traktoren nicht durchfahren werden. Das Heu müsste da her über die Steinegga-Moräne zum Murmloch getragen werden eine mühsame und zeitraubende Männerarbeit. Das Schleipfen des Heus talwärts im Spätwinter verdirbt die Skipiste. Daher beschlossen die Gemeindebehörden, den romantischen Wanderweg durch den Flüemadwang für Traktoren fahrbar zu machen. Die ahnungslosen Wochenendwanderer haben Mühe, sich damit abzufinden. Aber die prächtigen Blumenwiesen rundum Steinegga sind so vor Vergandung vorläufig gerettet.   Für die Besitzer von Ferienhäuschen auf Fischbiel solIte es zur Regelwerden, das Gelände im Sommer zu mähen. Dies wenn mit das Heu auch abtransportiert und verfüttert werden kann. Während trockener Sommermonate könnte sich eine sorgfältige Wiederaufnahme der alten Bewässerungssysteme nach Absprache mit den Nachbarn günstig auswirken.   Der ehemalige Förster und Posthalter Max BelIwald beriet mich beim Aufbau meines kleinen, später vogelreichen Waldes auf Treimadeggu. Im Hochgebirge, das heisst auf der Höhe der Waldgrenze, müssen die Bäume eng gepflanzt werden. Nur auf diese Weise können sie vor Wildschäden bewahrt werden. Die kostbaren und zugleich für Hase und Reh schmackhaften Jungarven wachsen sehr langsam. Sie sollten daher während mindestens 20 Jahren von einem engen Kranz aus rasch wachsenden Lärchen um ringt sein. Lärchen und Arven schätzen feuchte Böden. Die an der Treimadsuon gepflanzten Arven wachsen jährlich mehr als 10 cm, die Arven in den Trockenhalden des Schafbergs oberhalb Pontresina bloss einen Zentimeter. Während der ersten hundert Jahren eilen die Lärchen den Arven voraus, werden dann aber später von diesen eingeholt. Max BelIwald bat mich immer wieder, die Jungbäume nicht an Pfosten zu fixieren: Die Bäume müssen Stürmen und Schneedruck ausweichen können. Der heutige Förster und Wildhüter Willy Rieder war sehr interessiert an unserem kleinen Wald. Er lehrte mich, Wildschaden zu erkennen und verhalf mir zu gesunden, im Hochgebirge aufgezogenen Jungbäumchen. Ein Versuch, Bergahorn anzupflanzen misslang vorerst, da die Ahorn triebe für Rinder, Schafe und Rehe Leckerbissen sind. Ich sah mich gezwungen, einen Bretterzaun um mein letztes Ahornbäumchen zu bauen, Heute, nach 15 Jahren, bildet das gelbe Laub des grossen Ahorns im Herbst einen herrlichen Kontrast zu den rotbraunen Blättern der Vogelbeere. Willy Rieder hat mit seinen ForstgehiIfen viele junge Lärchen in die schneerutschgefährdeten Runsen des Bannwalds gepflanzt, sowie eine Arvenkolonie am Arbknubel aufgezogen.


 Baggersünden

1957
Für den Bau der Alpstrasse nach der Weritzalp wird ein Bagger in der Nähe von Biel eingesetzt. In der Nähe liegt ein gewelltes Stück Wiesland, das jährlich von Kühen und Schafen beweidet wurde. Der Besitzer "nutzt die Gelegenheit" und lässt die Wiese planieren. Dabei wird die rund 3 cm dicke Humusschicht vollständig entfernt.

1994
Auf der Schuttschicht haben sich im Abstand von rund 25 cm kleine Grasbüschel gebildet. Es wird noch einige hundert Jahre dauern, bis dieses Gelände sich wieder zu kompaktem, nutzbarem Wiesland gewandelt hat.

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